Ausstellungskatalog

BERLINISCHE GALERIE MUSEUM FÜR MODERNE KUNST, Berlin, vom 06.10. 2017 bis 15.01. 2018, Jean Mammen, die Beobachterin, Retrospektive 1910 – 1975

Die Berlinische Galerie zeigt nach nunmehr zwanzig Jahren, die zweite umfassende Retrospektive des Werkes von Jean Mammen. Schwerpunkt dieser Ausstellung ist das malerische Spätwerk der Künstlerin. Kuratorin der Ausstellung ist Annelie Lütgens. Es ist ein umfangreicher Katalog im HIRMER Verlag München erschienen.

Wir freuen uns über die bemerkenswerte Würdigung des Werkes von Jean Mammen. Sie hat als Gast an der Frühjahrsausstellung  des Vereins der Künstlerinnen zu Berlin im März 1933 teilgenommen. Es war ihre zweite Ausstellungbeteiligung überhaupt in Berlin.

 

Lotte Laserstein
Lotte Laserstein, Selbstbildnis an der Staffelei (Ausschnitt), 1938, 127,6 x 47 cm, Öl/Sperrholz, © Stiftung Stadtmuseum Berlin, Foto: Hans-Joachim Bartsch, Berlin

150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen

Wo Käthe Kollwitz gelehrt und Paula Modersohn-Becker gelernt hat: Der Verein der Berliner Künstlerinnen feiert sein 150-jähriges Bestehen.

Was muss das für ein Wollen und Brennen, ein Schraffieren und Skizzieren, ein Dozieren und Notieren, aber auch ein Wispern und Plaudern in diesen Räumen gewesen sein! Hier, in der Potsdamer Straße, im dritten Stock eines ehemaligen Atelierhauses, residierte einst die Mal- und Zeichenschule des 1867 gegründeten Vereins der Berliner Künstlerinnen. Der älteste Berufsverband bildender Künstlerinnen in Deutschland feiert 2017 gleich mit vier Ausstellungen und einem im Januar erscheinenden Jubiläumsband sein 150-jähriges Bestehen.

Die erste davon hat bereits jetzt eröffnet. Mit ihr schließt sich ein schöner Kreis. An die 80 Gemälde und Skulpturen aus Salonmalerei, Jugendstil, Expressionismus und Neuer Sachlichkeit kehren gewissermaßen an ihren historischen Ort zurück – darunter Werke von Jeanne Mammen, Hannah Höch, Emmy Loewenstein, Charlotte Berend-Corinth, Else Hertzer, Rita Preuss, Marg Moll und Lotte Laserstein.

In den lichten, mit knarzendem Parkett ausgelegten Räumen, wo zu Hochzeiten einst 400 junge Frauen in Aktzeichnung, Ölmalerei oder Linolschnitt unterrichtet wurden, sitzt jetzt die Camaro-Stiftung und präsentiert Ausstellungen zu Tanz, Literatur, Musik, Film und eben Malerei.

Wie das hier vor hundert Jahren zuging, lässt sich gleich am Eingang der den historischen Mitgliedern, Schülerinnen und Gästen gewidmeten Schau „Fortsetzung folgt! 150 Jahre Verein der Berliner Künstlerinnen“ nachempfinden. Da hängt die Reproduktion eines Gemäldes von Augusta von Zitzewitz: Tatkräftige Frauen, gekleidet in Korsett und Krinoline, sitzen – dynamisch skizziert – vor ihren Staffeleien und holen zu großen Pinselstrichen aus.

Ein unerhörtes Bild in einer Zeit, die es Frauen bis 1919, als sie endlich zur Königlichen Kunstakademie zugelassen wurden, unmöglich machte, das professionelle Handwerkszeug einer berufstätigen Malerin oder Grafikerin zu erlernen. Im privaten Rahmen durften sie gerne als Teil der Ausbildung höherer Töchter beim Aquarellieren „dilettieren“, nur – um Gottes willen, unschicklich! – nicht den Aktstudiensaal einer Hochschule betreten.

Käthe Kollwitz als berühmteste Lehrkraft
Von Zitzewitz eröffnete 1911 ein eigenes Atelier. Sie war eine bekannte Porträtmalerin der Berliner Bohème, frauenbewegt, Mitglied der Berliner Secession, Freundin von Albert Einstein, Gottfried Benn, Hedwig Dohm – und Mitglied im Verein der Berliner Künstlerinnen, nachdem sie von 1907 bis 1911 an der Mal- und Zeichenschule gelernt hatte. Deren berühmteste Lehrkraft ist Käthe Kollwitz, die 1898 als Lehrerin für „Graphik und Zeichnen nach dem lebenden Modell“ berufen wurde und bis 1903 die Lithografie- und Radierklasse leitete.

Ihr kraftvoller Zyklus „Ein Weberaufstand“ und weitere Kollwitz-Plastiken sind in der Ausstellung zu sehen. Gegenüber den „Webern“ hängen unverkennbar von ihr beeinflusste Arbeiten ihrer Schülerin Sella Haase. Die beiden werden Freundinnen, beraten sich beruflich und leben damit jene Künstlerinnensolidarität, deren Geist Verein wie Schule prägt.

„Wie ich mich auf die Ölfarben freue!“
Auch Paula Modersohn-Becker studiert hier zwei Jahre lang. Im großen Saal hängt ihre wunderschöne „Porträtstudie eines Aktmodells“ (1897/98). Im November 1896 besucht sie die Malklasse und schreibt begeistert an die Eltern: „Es ist eine riesengroße Neuigkeit, die ich zu melden habe. Ich fange nächste Woche mit Farben an! Ich hatte mir bei meinem Maiskolben riesige Mühe gegeben. Da kam Dettmann gestern zu mir und sagte: ,Gut, gut, sehr gut!‘ – Dann sagte er, daß ich nächste Woche malen dürfe (…) Wie ich mich auf die Ölfarben freue!“

Ihren so diskreten Mädchenakt, der nur Schultern, Wangen, Hände zeigt, hat ein privater Leihgeber zur Verfügung gestellt. Das gilt für viele der gezeigten Werke. Nach dem Grund muss man die Vereinsvorsitzende Ute Gräfin von Hardenberg nicht lange fragen: „Museen kaufen einfach viel seltener Werke von Frauen an.“ Das gelte damals wie heute.

Dass Künstlerinnen mehr verkaufen, mehr finanzielle Förderung erhalten, mehr Ausstellungen – also Öffentlichkeit – erhalten, daran arbeitet der Verein seit seiner Gründung. Etwa durch den mit 5000 Euro dotierten Marianne-Werefkin-Preis, der seit 1990 verliehen wird. Oder – und das sei das Wichtigste, wie Irmgard Merkens, Sabine Herrmann und Susanne Schirdewahn unisono berichten – mit einem guten Netzwerk.

Schirdewahn ist 46 Jahre alt und war 2013 für den Werefkin-Preis nominiert. Dadurch wurde sie erst auf den Verein aufmerksam, der nach seinen Vorkriegsblütezeiten mit 870 Mitgliedern (1903) heute – trotz steigender Nachfrage – nur noch 30 Künstlerinnen und 20 Fördermitglieder stark ist. Ihre Mitgliedschaft sei ein Statement, sagt die Malerin. Nirgends sonst habe sie solch geballtes Wissen über historische Vorbilder gefunden (das Vereinsarchiv befindet sich seit 2012 in der Akademie der Künste).

Kunstfreundinnen fördern Künstlerinnen
Auch an den Kunsthochschulen würde immer noch zu wenig vermittelt, welch eindrucksvolle Vorgängerinnen die nicht nur in Museen, sondern auch auf dem Kunstmarkt männlich dominierte Zunft besitz. Schon in der Renaissance sind bildende Künstlerinnen die ersten selbstständig arbeitenden Frauen. Der Künstlerinnenverein schaffe ein positives Gegenbild zum Begriff „Frauenkunst“, der mit Schlagworten wie Opfer, Rächerin, Selbstbezüglichkeit assoziiert sei, glaubt Susanne Schirdewahn. Außer politischen Aktivitäten wie der Solidarisierung mit anderen in der Berliner Ateliernot, gibt es auch durchaus greifbare Ergebnisse: „Durch Ute von Hardenberg habe ich eine Mäzenin für ein Buchprojekt gefunden.“

Auf der kommunikativen Idee, dass sogenannte Kunstfreundinnen, die manchmal auch Damen der Gesellschaft waren, Künstlerinnen fördern, beruht das Gründungskonzept des Vereins. „Ein genialer Schachzug: Künstlerinnen trafen direkt auf Käuferinnen“, nennt Kuratorin Carola Muysers das. Sie hat die Vereinsgeschichte, die in Vitrinen anhand von Mitgliederbiografien und Dokumenten skizziert wird, bereits vor 25 Jahren für die Ausstellung „Profession ohne Tradition“ in der Berlinischen Galerie erforscht.

Dabei stellte sie fest, dass Männer eine segensreiche Rolle im Verein der Berliner Künstlerinnen gespielt hatten. Dessen sechs Initiatorinnen wurden 1867 bei der Gründung aktiv vom Sozialpolitiker Adolf Lette und dem Unternehmer Werner von Siemens unterstützt, weil Frauen 1867 im Deutschen Reich nicht rechtsfähig waren. Selbst der preußische Hof unterstützte den Verein. Nur zwanzig Jahre nach der Gründung unterhielt er neben einer Darlehens- und Stipendienkasse auch eine Pensionskasse für Künstlerinnen.

Hinreißend selbstbewusste Porträts
Dieser sozialrevolutionäre Impetus der Vereinigung hat nicht bis heute überlebt. Den braucht in Zeiten der Künstlersozialkasse auch niemand oder besser keine mehr. Streng genommen auch keinen Künstlerinnenverein, denn die 1841 gegründete allererste Standesvertretung, der Verein Berliner Künstler, nimmt schon lange Frauen auf.

Ein Blick in den Skulpturenraum jedoch löscht, auch eingedenk der Genderrealitäten der Kunstszene, diesen ketzerischen Gedanken gleich wieder aus. Da hängt ein hinreißend selbstbewusstes Porträt der erst durch Vereinsrecherchen wiederentdeckten Malerin Lotte Laserstein. Gegenüber prangt eine Wand mit Atelierfotos der jetzigen Mitglieder. Sie sind 35 oder 90 Jahre alt. Sie posieren oder vermeiden es. Die, die in die Kamera schauen, tragen Stolz und Standesbewusstsein im Blick. Sie sind Frauen. Was bitte schön sollen die in einem Künstlerverein?

Camaro-Stiftung, Potsdamer Str. 98a, bis 24. März, Di–Sa 13–17 Uhr, Mi 13–20 Uhr

Museum Barberini - Potsdam

http://www.potsdam.tv/mediathek/29284/DDR_Ausstellung_im_Museum_Barberini.html

Vom 29. Oktober 2017 bis 4. Februar 2018

Hinter der Maske. Künstler in der DDR
widmet sich der Inszenierung des Künstlerindividuums von 1945 bis 1989. Das Thema wird durch vier Generationen in Gemälden, Photographie, Graphik, Collage, Skulptur und Aktionen vorgestellt.

Mit dieser Ausstellung beginnt das Museum Barberini die Erforschung seiner Sammlung zur Kunst in der DDR, die in der Kunstgeschichte immer noch wenig beachtet ist. Ausgehend vom eigenen Bestand versammelt sie über 100 Werke von 
80 Künstlerinnen und Künstlern.
Wir freuen uns das Sabine Herrmann und Karla Woisnitza in der Ausstellung vertreten ist.

Murshida Arzu Alpana, Silvia Klara Breitwieser, Ricoh Gerbl, Angela Hampel, Franziska Klotz, Gisela Weimann, Karla Woisnitza. Gastkünstlerin: Irma Markulin

Paula Anke, Monika Brachmann, Alke Brinkmann, Bettina Cohnen, Hannah Dougherty, Ricoh Gerbl, Sabine Herrmann, Margareta Hesse, Michelle Jezierski, Gaby Krawinkel, Isa Melsheimer, Ann Noël, Emerita Pansowová, Sibylle von Preussen, Heike Ruschmeyer, Susanne Schirdewahn, Caro Suerkemper. Gastkünstlerin: Lucy Teasdale